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Theorie und Praxis

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Quelle: http//www.morguefile.com/

Theorie = Praxis?

Ihr kennt das, als kleines Kind geht man in einen Sportverein und alles ist mystisch. Der Trainer dort ist der Trainer, er hat die Ahnung vom Sport. Ich war als kleiner begeistert von Jackie Chan und lernte Shotokan Karate. Meine Trainer, Jürgen und Reinhard-sensei, waren Black Belts, Schwarzgurte eben. Vieles im Training, nach heutiger Sicht, war gut. Anderes war wirklich kacke. Aber mir wäre nicht in den Sinn gekommen, die beiden zu kritisieren, einer der beiden trägt heute den 6. DAN im Karate, eine enorm hohe Auszeichnung für einen Trainer im Karate. Fast 30 Jahre sind die beiden im Verein. Eine enorme Menge Erfahrung. Krafttraining wird dort selten gemacht, heutzutage berate ich viele Karateka wenn es um das richtige Krafttraining für Kampfsport geht. Später hatte ich einen weiteren Trainer, Klaus. Ich habe Wing Tsun Kung Fu gelernt und auch ihn habe ich selten, aber schon etwas mehr angezweifelt. Bei beiden Kampfsportarten hiess es, zuviel Krafttraining mache mich langsam, das wisse man auf über 100 Jahren Erfahrung.

In China, bei den Shaolin Mönchen, war man aufgeschlossener. Allerdings war ich von der Umsetzung des Krafttrainings dann doch eher ent- als begeistert. Tradition und Erfahrung wurde gross geschrieben. Und ich will mich auch nicht beschweren, knapp 9 Monate, nachdem ich dort aufgenommen wurde, gewann ich zwei Silbermedaillen auf der Weltmeisterschaft im Shaolin Wushu. Als ich nach Thailand kam, änderten sich die Dinge. Ich wurde von der ehemaligen Elite von Fightern trainiert. Alle hatten 100 Siege und meist mindestens 150 Kämpfe hinter sich. Alle hatten Gürtel getragen, die Jungen ein paar, die älteren Trainer mehr. Die Trainer waren, wie in Thailand üblich, nett und freundlich, aber auch etwas distanziert anfangs. Es gab dort Leute aus aller Herren Länder. Und auch eine Menge amerikanischer Soldaten, die hart am Eisen trainierten. Ehemalige Navy SEALs und damals Blackwater Angestellte, die ihre Urlaube in Thailand verbrachten. Passend, in einem Muay Thai Camp. Die Trainer dort beharrten nicht auf Tradition. Sie sagten mir ich solle einfach tun, was gut für mich ist, um ein stärkerer Kämpfer zu werden. Sie wüssten nicht viel von Krafttraining, aber viele Ausländer wären sehr stark und deswegen auch bessere Kämpfer. Ich meldete mich dann zum Kämpfen, ich wollte in den Ring. Das Blitzen in den Augen der Trainer verriet mir, dass sie nun begannen, mich zu respektieren. Und das Training wurde härter, gnadenloser und wie alle anderen, die in den Ring wollten, brachte man mir das kämpfen auf die harte Tour bei. Zusätzlich sagte man mir wieder, ich sollte alles tun um stark zu werden. Stark, damit ich hart zuschlagen kann. Man sagte mir, meine Gegner würden keine Rücksicht kennen. Ausländer als Amateure waren ein gern gesehenes Futter für betagte Fighter, die sich ihr Geld mit Preiskämpfen verdingten. Es war ein Spektakel auf das Geld gesetzt wurde. Um mein Leben begann ich zu lernen. Und ich lernte, dass alle Trainer vor mir, keine Ahnung hatten. Das es unglaublich war, welches Potential in Fitnesssstudios und Kampfsport Dojos verschwendet wurde im Namen von Erfahrung und Tradition.

Das war vor 8 Jahren. Seit knapp 20 Jahren bin ich im Kampfsport unterwegs gewesen und seit 8 Jahren beschäftige ich mich eindringlich auch mit der Wissenschaft dahinter. Fast immer, wenn ich von dieser Wissenschaft rede, werde ich als Theoretiker dargestellt, der nie ein Eisen in der Hand hatte. Neulich hatte ich die amüsante Erfahrung, in die Riege der „60kg Experten“ eingeordnet zu werden. Wer mich persönlich kennt, dürfte nun am Boden liegen vor Lachen. Mir wurde zudem vorgeworfen, nie im Leben am Eisen gewesen zu sein. Zugegeben, meine Kraftwerte entsprechen nicht denen eines Elite Kraftsportlers. Aber ich bin weit weg von untrainiert und schwach und weit weg von einem 60kg Athleten.

Von denen, die auf Erfahrung pochen, wird meist argumentiert, dass Studien nichts taugen für die Praxis. Die Theorie hört sich toll an. Einer der Trainer, mit denen ich mich unterhielt, meinte sie seien vor allem gut dafür, sich den Arsch abzuwischen. Mit dem Verlaub, auch auf die Gefahr hin, beleidigend zu werden, ist dass die idiotischste, hirnrissigste, weltfremdeste und stumpfsinnigste Aussage die ich jemals gehört habe. Sie zeigt nichts anderes, dass diese Person von diesem Fach absolut GAR NICHTS versteht. Und das meine ich ernst. Sicher gebe ich denjenigen recht, dass vieles praxisfern ist. Jeden Tag fliegen in meine Inbox eine riesige Reihe von Papern, mit denen man genau das tun kann. Mark Rippetoe hat sich gerade über diese Pseudo Sportwissenschaft vor einiger Zeit auf T-Nation aufgeregt. Wenn jemand Squats zu 130° und 110° vergleicht, ist das bescheuert. Wenn jemand sich vor allem mit der hormonellen Reaktion auf die Kombination verschiedener Sprünge in der rhythmischen Sportgymnastik oder Bankdrücken auf einer Bank und einem Gymnastikball beschäftigt: Geschenkt. Aber es gibt andere. Es gibt Leute, die Trainer und Forscher zugleich sind, wie Glenn Pendlay, Bryan Mann, Hagen Hartmann, Jeffrey McBride, Brad Schoenfeld oder William Kraemer. Es gibt Menschen wie die verstorbenen Doktoren Yuri Verkhoshansky und Mel Siff, die ihre Erfahrung aus der Forschung mit tausenden Athleten zusammengetragen haben.

Der sogenannte Praktiker erzählt seinen Trainees gerne, sie sollen mal Intervalltraining machen, das sei effektiver. Warum? Weil Martin Gibala und Kirsten Burgomaster genauso wie Izumi Tabata Personen getestet haben und diese auf ein Rad gepackt haben. Sie haben dann getestet, diese armen Schweine dieses Trainingsprogramm durchgestanden haben und haben ihre Daten der Welt veröffentlicht. Andere haben diese aufgenommen, getestet und kritisiert. Irgendwann wurde ein Bodybuilding.com Artikel daraus. Der sogenannte Praktiker hat meist eine große Klappe, er habe alles aus eigener Erfahrung. Hier ist meine Meinung: Wenn du alles selbst testen willst, viel Spass. Dann brauchst du nicht nur die nötige Kompetenz, sondern auch 200.000 Kunden. Der Pragmatiker unter den Trainern und dazu zähle ich mich, vergleicht seine eigene Erfahrung mit der Trainingstheorie und leitet daraus Maßnahmen für seine Kunden ab. Wenn ich weiss, dass ein Anfänger in 48 Stunden regeneriert, weil ich es getestet habe, weiss ich auch, dass ich eine höhere Frequenz fahren kann. Wenn ich weiß, weil wir es mit HUNDERTEN Personen getestet haben, dass die Länge der Regeneration über die ersten 1-2 Jahre ungefähr verdoppelt wird und wir dann von einer Erholung innerhalb von 4-6 Tagen reden, wissen wir auch, dass es Sinn macht, eine Übung oder Muskelgruppe zweimal zu trainieren. Wenn nun jemand einen 3er Split mit 3 Tagen und voller Granate vorschlägt, können wir sehr genau sagen, dass das idiotisch ist und wir mit einem Full Body Split mit 3-4 Trainingstagen besser wegkommen. Die nächste Frage die sich stellt, ist welche Erfahrung jemand hat. Wenn jemand seit Jahrzehnten Bühnenathleten für das Bodybuilding trainiert, wird er Personen haben, die dafür geeignet sind. Personen mit guten Genen eben. Diese werden eher öfter als seltener in den Genuss von anabolen Steroiden kommen und damit ihr Game total verändern. Die Regenerationszeit spielt dann eine kleinere Rolle, denn die Wachstumsphase wird massiv verlängert. Dann kann derjenige hart splitten und 4er bis 5er Splits fahren um seinen Muskel richtig zu plätten. Für Athleten am genetischen Limit und auf anabolen Steroiden ist das die richtige Vorgehensweise. Da brauchen wir nicht diskutieren, das ist geschenkt.

Aber wir wissen eben nicht aus der „Theorie“ sondern aus der PRAXIS was funktioniert. Theorie VS. Praxis gibt es nicht. Das ist eine Nebelkerze die nur gezündet werden kann wenn einem das Verständnis für Wissenschaft fehlt. Theorie im Sport heisst, es wurde getestet, geprüft und nochmal getestet, verglichen, nochmal verglichen, von jemand anders verglichen, nochmal mit einer anderen Gruppe durchgeführt und verglichen und dann in einem anderen Paper im großen Rahmen verglichen. Ein solcher Review kann die Trainingserfahrung von 5.000 Sportlern oder mehr enthalten. Der Unterschied zwischen sogenannten Theoretikern und Praktikern ist, dass derjenige, der auf Erfahrung pocht, nicht versteht, dass Wissenschaft gesammelte Erfahrung ist. Und sich eigentlich tierisch blamiert. Der Praktiker hat wenig damit zu tun, er hat jeden Tag Kunden, die er bedient. Das ist ok. Er macht eine Analyse mit der Körperfettwaage oder dem Kaliper, gibt einen Trainingsplan und die ersten Male schaut er auch noch zu. Der Forscher hat diese Kunden meist aber auch. Er sammelt sie sich vom Campus, wenn es um generelle Sachen geht. Wenn es um spezielle Forschung geht, holt er sich erfahrene Sportler. Und das können Bodybuilder, Gewichtheber oder Sprinter sein. Und dann lässt er sie ein Trainingsprogramm machen. Vorher legt er sie in ein Röntgengerät, einen DEXA Scanner, und notiert auf den Millimeter genau die Umfänge der Muskulatur. Er macht einen Schnitt etwas über dem Knie, schiebt den Sportlern eine kleine Röhre hinein und schneidet einen winzig kleinen Teil des Muskels hinaus, spannt diesen neben ein kleines Lineal und notiert sich genaustens, wie groß der Muskel ist. Nach dem Trainingsprogramm tut er beides wieder. Er nimmt auch Blut, Herzfrequenz, testet die Kraft, die Geschwindigkeit und die Muskelzuwächse. Ebenso schickt er die Probe ins Genlabor. Für Tests. Der Praktiker im Studio trifft seinen Kunden meist wieder, sieht die Erfolge und sagt sich „Hat ja geklappt.“ Der Forscher aber, hat nun Daten, die nicht nur genauer sind, sie sind extrem genau. Er kann auf den Millimeter genau sagen, wieviel das Programm gebracht hat, welche Blutwerte sich verändert haben, wie stark der Teilnehmer geworden ist und ob er bei der Biopsie geschrien hat, die Pussy.

Der Unterschied ist, dass der Forscher diese Sachen anderen präsentiert. Wir teilen diese Dinge und diskutieren sie. Wir diskutieren Fakten, Schwächen und Stärken unserer Experimente und bauen daraus dann ein Bild zusammen, dass die gesammelte Erfahrung von allen Forschern und Trainern, die dabei mitmachen, darstellt.

Wenn also jemand sagt, er hat 30 Jahre Trainingserfahrung, mag das viel erscheinen. Aber in den Untersuchungen von Yuri Verkhoshansky und Mel Siff allein sind die Trainingserfahrungen von über 10.000 Sportlern über 30 Jahre enthalten. Es sind also bereits 30 vs. 300.000 Jahre Trainingserfahrung in einem einzigen Buch, namens „Supertraining.“ Und die 300.000 sind besser dokumentiert, genauer untersucht und entsprechen genaustens der Umsetzung. Fassen wir all das zusammen, wird eines schnell klar: Es gibt keinen Konflikt zwischen Theorie und Praxis. Und es gibt keine Erfahrung vs. Wissenschaft Debatte. Diese ist hirnrissig. Die Wissenschaft, auch wenn sie oft ziemlichen Murks bastelt, hat bereits heute mehrere hunderttausende von Jahren an Trainingserfahrung zusammengefasst. Es gibt Erfahrungen, die wir einfach nicht mehr machen müssen. Und wenn jemand darauf besteht, dass wir das alles nochmal testen, viel Spaß dabei. Wenn du dich angesprochen fühlst, und das nächste Mal einem Kunden das „HIIT“ Training oder High Intensity Krafttraining empfiehlst, solltest du daran denken, dass du gerade die Daten von Forschern, nämlich Martin Gibala und Arthur Jones, deinen Kunden bietest. Und das du egal, wie lange du dabei bleibst, egal wieviel Erfahrung du hast, niemals ausgelernt hast. Keiner, inklusive mir und auch den großen Forschern von heute, wird jemals genug Zeit haben, all diese Erfahrung nachzuholen. Und anstatt Trainingsprogramme zu testen, empfehle ich etwas ganz anderes: Lerne dort, wo Erfahrung wirklich gebraucht wird. Nämlich dort, wo Ausführung der Übungen beigebracht wird, wo Anfänger Kniebeugen und Kreuzheben lernen wollen und wo diese Jahrzehnte an Erfahrung junge Trainierende davor retten, ihre Schultern und Rücken kaputt zu machen. Nutze deine Erfahrung für etwas Gutes.

Bild-Quelle: http//www.morguefile.com/

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